Rundbrief 2026-03 Neuer Faschismus
HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief März 2026!
Rainer Mühlhoff sieht einen engen Zusammenhang zwischen der Künstlichen Intelligenz (KI) und einem neuen Faschismus. Chief Executive Officer (CEO) von großen Technologieunternehmen wie Elon Musk oder Peter Thiel wollen einen KI-Staat errichten, in dem künstliche Intelligenz als Heilsbringer für die Welt und Menschheit proklamiert wird.
Rainer Mühlhoff, geboren 1982 in Remscheid (Nordrhein Westfalen), ist ein deutscher Philosoph und Mathematiker. Er ist Professor für Ethik der Künstlichen Intelligenz an der Universität Osnabrück (Niedersachsen) und ein gefragter Referent. 2025 erschien sein Buch „Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus“. Die Grundthese seines Buches ist, dass rechtsstaatliche Demokratien durch das Zusammenspiel von Tech-Ideologien und ultrarechten Kräften in Gefahr sind: „Das zentrale Kennzeichen der neuen faschistischen Kräfte besteht in dem Bestreben, die spezifischen Möglichkeiten von Datenanalyse- und KI-Technologie zu nutzen, um den Rechtsstaat und die freiheitliche demokratische Ordnung zu schwächen und durch ein schlankes, auf Automatisierung und Präemption (also algorithmische Vorhersage und Vorwegnahme) basierendes Staatswesen zu ersetzen.“ (Rainer Mühlhoff: Künstliche Intelligenz und der neue Faschismus, Ditzingen 2025, S. 11)
Mühlhoff begreift den Begriff Faschismus nicht nur als ein historisches Phänomen des 20. Jahrhunderts, sondern eher als ein Interpretationsinstrument für die gegenwärtige und zukünftige Zeit und erkennt drei Merkmale des neuen Faschismus: „Antidemokratisches Wirken: Faschistische Politik zielt darauf, den Rechtsstaat, die administrativen Abläufe und die parlamentarische und demokratische Ordnung zu zerstören … Gewaltbereitschaft: Faschistisches Wirken ist gekennzeichnet durch persönliche Gewaltbereitschaft und Bereitschaft der Akteure, sich so gehässig wie möglich zu verhalten, sei es sprachlich, medial, physisch oder politisch … Technologie als Machtinstrument: [Es geht] um die berechnende Indienstnahme neuester Technologie, um eigene Machtinteressen zu realisieren – oft in einem Zusammenspiel zwischen Industrie und Regime … Dieses Narrativ schließt eine Unterordnung von Mensch, Kultur und Gesellschaft … ein.“ (Mühlhoff, a. a. O., S. 14 – 16.)
Am Ende seines Buches macht Mühlhoff Vorschläge, wie diese neofaschistischen Tendenzen erkannt, verhindert und gestoppt werden können. Antidemokratische Kräfte müssen vor allem durch ein persönliches Engagement von Menschen isoliert werden, die in Berufsfeldern arbeiten, die das demokratische Fundament unserer Gesellschaft bilden – Schulen, Universitäten, Ministerien, öffentlicher Rundfunk, Polizei, Kirchen, Ämter etc. Außerdem muss der Einsatz von neuen Technologien und Künstlicher Intelligenz mehr reguliert werden: „Nur eine aktive und aufgeklärte demokratische Kontrolle über die Entwicklung und den Einsatz neuer Technologien kann es verhindern, dass diese zu Instrumenten faschistischer politischer Kräfte werden.“ (Mühlhoff, a. a. O., S. 140 – 147)
Dietrich Bonhoeffer und auch Mitglieder seiner Familie arbeiteten in den oben genannten Berufsfeldern und haben frühzeitig antidemokratische Kräfte und Tendenzen ihrer Zeit erkannt und mit Zivilcourage und Widerstand bekämpft. Bonhoeffer leistete nicht nur Widerstand gegen den Totalitarismus und Faschismus an sich, sondern vor allem gegen unmenschliche Gesetze und Verordnungen, die Menschen benachteiligten, diskriminierten und verfolgten. Bonhoeffer lehnte zum Beispiel den Arierparagrafen (durch diesen wurden „nichtarische“ Pfarrer und Kirchenbeamte aus dem Kirchendienst entlassen) in der Kirchenverfassung seiner Zeit ab, weil dieses Gesetz dem Wesen der Kirche als eine versöhnte Gemeinschaft von unterschiedlichen Menschen aus verschiedenen Nationen und Ethnien widersprach. Daher hat Bonhoeffer gemeint: "Nur wer für die Juden schreit, darf auch gregorianisch singen." (Eberhard Bethge: Dietrich Bonhoeffer. Theologe - Christ - Zeitgenosse. München 1967, S. 685).
Bonhoeffer wusste, dass sein politischer Widerstand mit dem Ziel, den Tyrannen Hitler zu töten, gegen das fünfte Gebot „Du sollst nicht töten“, verstoßen würde, denn der Mensch kann sich nicht zum Herrn über das Gebot erklären. Der Täter eines Tyrannenmordes – auch wenn dieser unbedingt geboten ist - macht ihn schuldig und stellt ihn unter Gottes Gericht. Mit der Entfesselung des Bösen durch die nationalsozialistische Ideologie war für Bonhoeffer eine Enthaltung und Neutralität diesbezüglich unmöglich geworden. Deswegen galt für ihn – wie er in seiner Ethik herausgearbeitet hat: „Schlimmer als die böse Tat ist das Böse-sein.“ (Dietrich Bonhoeffer: Ethik. Dietrich Bonhoeffer Werke Band 6, S. 62). Für Bonhoeffer war klar, dass in der menschenverachtenden Demagogie der Nationalsozialisten das Böse verkleidet in der Gestalt des Guten erschien und dass nicht der „normale Mensch“, sondern der Christ in seiner Bindung an Gott, diese Verkleidung zu durchschauen vermag, in der das Böse auftrat, nämlich in der „Gestalt des Lichtes, der Wohltat, der Treue, der Erneuerung und des sozial Gerechten“. (Ethik, a. a. O., S. 63).
Ein weiterer Literaturtipp: Umberto Eco: Der ewige Faschismus, München 2020.
Fragen zum Nachdenken:
- Welche Merkmale hat der Faschismus für Dich?
- Wo erkennst du neofaschistische Tendenzen in unserer Zeit?
- Wo tritt für Dich das Böse in der Gestalt des Lichtes auf?
Lesen wir bis zum Rundbrief April 2026: Psalm 83; Matthäus-Evangelium, Kapitel 10, die Verse 40 - 42
Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe
