Rundbrief 2026-02 Dummheit

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HAPAX und ein herzliches Hallo zum Rundbrief Feber 2026!

Am 4. Dezember 2025 war der 50. Todestag der Jüdin Hannah Arendt, die am 14. Oktober 1906 in Hannover geboren wurde. Sie studierte Philosophie bei Martin Heidegger (1889 – 1976) und promovierte bei Karl Jaspers (1883 – 1969). Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde sie 1933 von der Gestapo verhaftet, konnte aber zunächst nach Paris und dann 1941 in die USA fliehen.

Dort hatte sie eine Professur am New Yorker Brooklyn College und eine an der University of Chicago. 1951 wurde sie amerikanische Staatsbürgerin und verstarb am 4. Dezember 1975 in New York. Der Platz vor dem Niedersächsischen Landtag in Hannover heißt Hannah-Arendt-Platz.

Nach der NS-Zeit analysierte sie die Wirkungsweisen totalitärer Herrschaft und war 1961 Berichterstatterin über den Adolf-Eichmann-Prozess in Jerusalem. Der international gesuchte NS-Verbrecher Adolf Eichmann, geboren 1906, wurde 1960 in Argentinien vom israelischen Geheimdienst aufgespürt und nach Israel entführt. 1961 stand der ehemalige SS-Obersturmbannführer, der für die Ermordung von Millionen Menschen mitverantwortlich war, in Jerusalem vor Gericht. Er wurde wegen seiner Verbrechen gegen die Menschheit zum Tode verurteilt und am 31. Mai 1962 hingerichtet.

1963 erschien Arendts Buch: "Eichmann in Jerusalem. Ein Bericht von der Banalität des Bösen". Dieser Begriff „Banalität des Bösen“ hat eine internationale und kontroverse Diskussion ausgelöst. Hannah Arendt wollte niemals die Nazi-Verbrechen und auch das Böse an sich kleinreden. In ihren Gesprächen mit dem deutschen Historiker Joachim Fest (1926 – 2006), dessen Hitler-Biografie in mehr als 20 Sprachen übersetzt wurde, erklärte sie, was sie unter „Banalität des Bösen“ verstand:

„Und wenn wir uns Eichmann begucken, dann hat er verbrecherische Motive eigentlich überhaupt nicht. Nämlich das, was man gewöhnlich unter ‚verbrecherische Motive‘ versteht. Er wollte mitmachen. Er wollte Wir sagen, und dies Mitmachen und dies Wir-sagen-Wollen war ja ganz genug, um die allergrößten Verbrechen möglich zu machen … Er war der typische Funktionär. Und ein Funktionär … ist wirklich ein sehr gefährlicher Herr. Die Ideologie, glaube ich, hat keine sehr große Rolle dabei gespielt. Dies scheint mir das Entscheidende … Nun, ein Missverständnis ist das Folgende: Man hat geglaubt, was banal ist, ist auch alltäglich. Nun ich glaubte … Ich habe es so nicht gemeint. Ich habe keineswegs gemeint: Der Eichmann sitzt in uns, jeder von uns hat den Eichmann und weiß der Deibel was. Nichts dergleichen! Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ich mit jemandem rede und [der] mir etwas sagt, was ich noch nie gehört habe, was keineswegs alltäglich ist. Und ich sage: ‚Das ist äußerst banal‘ Oder ich sage: ‚Das ist minderwertig.‘ In diesem Sinne habe ich es gemeint … Eichmann war ganz intelligent, aber … Dummheit hatte er. Das war die Dummheit, die so empörend war. Und das habe ich eigentlich gemeint mit der Banalität. Das ist keine Tiefe – das ist nicht dämonisch! Das ist einfach der Unwille, sich je vorzustellen, was eigentlich mit dem anderen ist, nicht wahr?“ (Quelle: Hannah Arendt, Joachim Fest: Eichmann war von empörender Dummheit. Gespräche und Briefe München 2011, S. 7 – 10 und 36 – 44)    

Nach zehn Jahren Nationalsozialismus analysierte Bonhoeffer die zehn Jahre 1933 bis 1943 und schrieb in seiner Analyse über den Begriff Dummheit: "Dummheit ist ein gefährlicherer Feind des Guten als Bosheit. Gegen das Böse läßt sich protestieren, es läßt sich bloßstellen, es läßt sich notfalls mit Gewalt verhindern, das Böse trägt immer den Keim der Selbstzersetzung in sich, indem es mindestens ein Unbehagen im Menschen zurückläßt. Gegen die Dummheit sind wir wehrlos. Weder mit Protesten noch durch Gewalt läßt sich hier etwas ausrichten … Dabei ist der Dumme im Unterschied zum Bösen restlos mit sich selbst zufrieden; ja, er wird sogar gefährlich, indem er leicht gereizt zum Angriff übergeht. Daher ist dem Dummen gegenüber mehr Vorsicht geboten als gegenüber dem Bösen … Um zu wissen, wie wir der Dummheit beikommen können, müssen wir ihr Wesen zu verstehen suchen. Soviel ist sicher, daß sie nicht wesentlich ein intellektueller, sondern ein menschlicher Defekt ist. Es gibt intellektuell außerordentlich bewegliche Menschen, die dumm sind, und intellektuell sehr Schwerfällige, die alles andere als dumm sind … Dabei gewinnt man weniger den Eindruck, daß die Dummheit ein angeborener Defekt ist, als daß unter bestimmten Umständen die Menschen dumm gemacht werden, bzw. sich dumm machen lassen … Bei genauerem Zusehen zeigt sich, daß jede starke äußere Machtentfaltung, sei sie politischer oder religiöser Art, einen großen Teil der Menschen mit Dummheit schlägt. Ja, es hat den Anschein, als sei das geradezu ein soziologisch-psychologisches Gesetz. Die Macht der einen braucht die Dummheit der anderen. Der Vorgang ist dabei nicht der, daß bestimmte - also etwa intellektuelle - Anlagen des Menschen plötzlich verkümmern oder ausfallen, sondern daß unter dem überwältigenden Eindruck der Machtentfaltung dem Menschen seine innere Selbständigkeit geraubt wird und daß dieser nun - mehr oder weniger unbewußt - darauf verzichtet, zu den sich ergebenden Lebenslagen ein eigenes Verhalten zu finden. Daß der Dumme oft bockig ist, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß er nicht selbständig ist. Man spürt es geradezu im Gespräch mit ihm, daß man es gar nicht mit ihm selbst, mit ihm persönlich, sondern mit über ihn mächtig gewordenen Schlagworten, Parolen etc. zu tun hat. Er ist in einem Banne, er ist verblendet, er ist in seinem eigenen Wesen mißbraucht, mißhandelt. So zum willenlosen Instrument geworden, wird der Dumme auch zu allem Bösen fähig sein und zugleich unfähig, dies als Böses zu erkennen … Das Wort der Bibel, daß die Furcht Gottes der Anfang der Weisheit sei (Psalm 111, 10), sagt, daß die innere Befreiung des Menschen zum verantwortlichen Leben vor Gott die einzige wirkliche Überwindung der Dummheit ist … Es wird wirklich darauf ankommen, ob Machthaber sich mehr von der Dummheit oder von der inneren Selbständigkeit und Klugheit der Menschen versprechen." (Quelle: Dietrich Bonhoeffer. Widerstand und Ergebung. Dietrich-Bonhoeffer-Werke Band 8, Gütersloh 1998, S. 26 - 28)

Fragen zum Nachdenken:

  • Was verstehst Du unter „Banalität des Bösen“ bzw. unter „Dummheit“?
  • Wie würdest Du Eichmann und andere NS-Verbrecher bezeichnen?

Lesen wir bis zum Rundbrief März 2026: Psalm 82; Matthäus-Evangelium, Kapitel 10, die Verse 34 – 39                                               

Liebe Grüße, Euer Obmann Uwe