Raue See: Warum Amerikas Krise unseren Alltag erreicht
Von G. John, Vereinsmitglied
Die Weltpolitik hat sich verändert: Sie ist von den fernen diplomatischen Kanälen direkt in unseren Alltag übergegangen – sichtbar in den Preisen, den Energieabrechnungen und dem permanenten ökonomischen Druck, der uns alle belastet. Im Zentrum dieser gefährlichen Verschiebung steht Donald Trump, dessen Agieren die Grundlagen unserer Demokratie erschüttert. Was sich in den U.S.A. bei den Grundfeilern der Demokratie abspielt, verschiebt letztlich die Statik dessen, worauf wir uns auch in Europa verlassen.
Besonders deutlich wird das an der Meinungsfreiheit, die im aktuellen politischen Klima der U.S.A. spürbar umgedeutet wird. Sie dient dort nicht mehr dem offenen, sachlichen Austausch oder dem Ringen um die beste Lösung für die Gesellschaft. Stattdessen wird Sprache gezielt eingesetzt, um Grenzen zu ziehen, Kritiker pauschal mundtot zu machen und Misstrauen in die freie Berichterstattung zu säen. Dieser Prozess, in dem eine freie Presse systematisch als „Volksfeind“ oder „Lügenpresse“ („Fake-News“) diffamiert wird, weckt fatale Parallelen zu den Methoden des Nationalsozialismus. Auch damals begann der Umbau des Staates nicht direkt mit physischer Gewalt, sondern mit der planmäßigen Zersetzung des öffentlichen Raums, der Gleichschaltung der Medien und der sprachlichen Ausgrenzung Andersdenkender. Wenn der öffentliche Diskurs nur noch aus unversöhnlichen Parolen besteht, verliert das gesprochene Wort seine verbindende Kraft.
Diese gesellschaftliche Zersetzung greift tief in die Sphäre grundlegender Menschenrechte ein und befeuert einen gefährlichen Kulturkampf, der sich unter anderem in einem spürbaren Wiederaufflammen des Rassenhasses und systematischen Rückbau von Frauenrechten äußert. Die mühsam erkämpften Rechte werden im Namen einer ideologisierten Politik geopfert.
Rassistische Ressentiments und gesellschaftliche Ausgrenzung werden nicht mehr kaschiert, sondern als politisches Mobilisierungswerkzeug im Kampf um die Macht missbraucht. Ideologisch untermauert wird dieser Feldzug von einem radikalen, religiösen Fundamentalismus, der den Glauben an die absolute Wortwörtlichkeit der Bibel zur Richtschnur für weltliche Gesetze erhebt. Wenn theologische Texte instrumentalisiert werden, um gesellschaftlichen Ausschluss und Ungleichheit rechtlich zu zementieren, verlässt ein Staat den Boden des modernen Rechtsstaates.
Unter George W. Bush, dem republikanischen Vorgänger Trumps, erhielten konservative Bestrebungen neuen Auftrieb, die Schöpfungslehre beziehungsweise den Kreationismus stärker im Schulunterricht zu verankern. Diese Rückbesinnung auf vermeintlich „alte Werte“ wirkt in Teilen der amerikanischen Gesellschaft bis heute nach (Stichwort „Tradwives“).
Symptomatisch für diesen Zustand ist auch die tief verwurzelte amerikanische Waffenverherrlichung, die unter dem Deckmantel vermeintlicher Freiheit jegliche gesellschaftliche Vernunft blockiert. Wenn tödliche Waffen sakrosankt werden, weicht der Schutz des menschlichen Lebens einer Ideologie der Gewalt.
Parallel dazu erleben wir eine systematische Belastungsprobe für das System der Gewaltenteilung, das zunehmend von einer neuen Form der Oligarchie ausgehöhlt wird – nicht nur bei den Republikanern – ebenso bei den Demokraten. Nur bei den Republikanern tritt deutlich hervor, was passiert, wenn ein größenwahnsinniger Egomane von den Oligarchen gepowert wird. Es sind die Tech-Milliardäre und Superreichen im Hintergrund, die mittels immenser Kapitalströme politische Prozesse lenken, Wahlen beeinflussen und den Staat schrittweise privatisieren. Besonders deutlich wird dies an der Plattform „X“. Als privates Medienimperium in der Hand eines einzelnen größenwahnsinnigen, weltweit ersten und einzigen Billionärs (Welch eine Summe: 1 Million Millionen. 12 Nullen. Das Bruttosozialprodukt Österreichs beläuft sich auf noch nicht einmal die Hälfte davon.) zeigt sie exemplarisch, wie die Infrastruktur der öffentlichen Meinung zu einem Werkzeug politischer Einflussnahme umgebaut wird. Wenn Algorithmen gezielt Radikalisierung belohnen, auf maximale Erregung programmiert sind und Fakten systematisch abwerten, wird der demokratische Diskurs im Kern manipuliert.
Aus diesem Grund hat sich unser Verein bei der Jahreshauptversammlung im Juli 2026 auch von „X“ distanziert und die „Posten“-Funktion von allen Seiten unserer Homepage entfernen lassen.
Eine Demokratie verliert ihre Stabilität nicht durch einen plötzlichen Umsturz, sondern durch das unmerkliche Aufweichen ihrer Regeln, wenn politische Macht und die Deutungshoheit über die Information käuflich werden.
Auch hier drängt sich der historische Vergleich dunkelster deutscher Geschichte auf:
Die finale Krise der Weimarer Republik wurde maßgeblich dadurch befeuert, dass einflussreiche Industrielle und reiche Eliten glaubten, sich radikale Kräfte zunutze machen zu können, um ihre eigenen Interessen abzusichern – ein Irrtum, der den Totalitarismus erst salonfähig machte.
Namentlich waren das unter anderem: Flick, Quandt, Krupp, Thyssen, Porsche und viele andere mehr. Wie eine solche Unterstützung und damit verbundene Profitierung aussah, ist in „Schindlers Liste“ sehr gut dargestellt – auch wenn er Schlussendlich vom Saulus zum Paulus wurde.
Die Auswirkungen der Entwicklung in den U.S.A. machen an den europäischen Küsten nicht halt und sind längst in unserem eigenen Umfeld angekommen.
Die algorithmengetriebene Polarisierung auf Plattformen wie „X“ zersetzt auch bei uns die Diskussionskultur und dient lokalen Demagogen als perfekte Blaupause. Wenn das Vorbild der westlichen Wertegemeinschaft ins Wanken gerät und sich in eine von Milliardären gesteuerte Oligarchie verwandelt, wie in Russland, so hinterlässt das ein spürbares Vakuum.
Europa steht vor der dringenden Herausforderung, die eigenen demokratischen Normen und die Sachlichkeit im politischen Diskurs gegen dieses digitale Gift, den gesellschaftlichen Radikalismus und den autoritären Populismus zu verteidigen.
Es ist eine bleibende Aufgabe, frühzeitig und mit friedlichen Mitteln Fehlentwicklungen in unserer Gesellschaft zu benennen. Wir dürfen nicht darauf warten, bis der Mangel an Widerspruch im Inneren zur Gewohnheit wird.
Bereits viele Menschen laufen heute wieder Ideologien blind hinterher, ohne die Konsequenzen zu hinterfragen.
Wenn die Fundamente der Rechtsstaatlichkeit, der Gleichberechtigung und der freien Rede bröckeln, gefährdet das am Ende den gesellschaftlichen Frieden, den Zusammenhalt und die Sicherheit von uns allen.
Gerade deshalb dürfen wir bei aller berechtigten Sorge nicht aus dem Blick verlieren, worauf die Stärke einer freiheitlichen Demokratie beruht.
Sie lebt von unabhängigen Gerichten, einer freien und kritischen Presse, der Gewaltenteilung und der Bereitschaft, Konflikte nicht mit Macht, sondern durch Argumente und Kompromisse zu lösen. Ebenso unverzichtbar sind jene Menschen, die Verantwortung im Kleinen übernehmen: in Vereinen, Kirchen, Gemeinden und anderen Bereichen der Zivilgesellschaft. Dort entstehen Vertrauen, gegenseitiger Respekt und das Bewusstsein, dass Freiheit stets mit Verantwortung verbunden ist. Eine lebendige Demokratie wird nicht allein in Parlamenten verteidigt, sondern jeden Tag dort, wo Menschen einander zuhören, sich engagieren und trotz unterschiedlicher Überzeugungen den gemeinsamen Zusammenhalt über den eigenen Vorteil stellen.
Als Resümee bleibt uns in dieser Zeit der Krisen die Mahnung Dietrich Bonhoeffers:
„Die Verantwortung bindet in Freiheit an den Mitmenschen.“
Wo Mitmenschlichkeit, Minderheitenrechte und der demokratische Rechtsstaat systematisch unter die Räder einer rücksichtslosen Machtpolitik geraten, ist ein schweigendes Zusehen keine Option mehr.
Wahre Verantwortung verlangt den wachen Blick und das entschlossene, friedliche Einstehen für die Würde des Nächsten – gerade dann, wenn der Wind von der anderen Seite des Atlantiks spürbar rauer wird.
Wie kann das geschehen?
Darüber zu schreiben, publizieren ist sicherlich ein Schritt.
Ein weiterer besteht darin, die freiheitlich-demokratische, rechtsstaatliche und humanistische Denkweise an andere weiterzugeben. „Durch’s Reden komm´ d'Leut’ zam “
Es ist auch das aktive Mitwirken in der eigenen politischen und kirchlichen Gemeinde und in Vereinen, wie dem unseren.
Die kleinen Wellen haben sich mittlerweile bereits zu einer rauen See gesteigert.
Sehen wir zu, dass wir unsere Heime sichern, indem wir Schutzdämme errichten, die die furchtbare Flut in ihre Schranken weist.
