Dietrich Bonhoeffer und die Frauen, Teil 1
Die Wurzeln des Mut-Machens – Wie Herkunft und Liebe den Charakter prägen
Von G. John, Vereinsmitglied
Wenn wir heute an Dietrich Bonhoeffer denken, haben wir meistens den mutigen Theologen vor Augen. Den Mann, der dem Unrecht die Stirn bot und am Ende sein Leben verlor. Doch woher hatte er dieses Unerschütterliche? Solch ein Charakter fällt nicht einfach vom Himmel, und er entsteht auch nicht durch das bloße Lesen von dicken Büchern. Die Wahrheit ist: Die Grundlagen für Bonhoeffers späteren Mut wurden weit vor seiner Zeit im Widerstand gelegt – und zwar ganz entscheidend durch die Frauen, die ihn erzogen, prägten und bis in die dunkle Gefängniszelle hinein begleiteten.
Wer einen Blick in das Haus der Bonhoeffers wirft, begegnet keiner typischen, angepassten Bürgerlichkeit des frühen 20. Jahrhunderts. Da war zuerst seine Mutter, Paula Bonhoeffer. Sie war eine hochgebildete, energische Frau, die sich nicht in die klassische Rolle der damals rein funktionierenden Hausfrau drängen ließ. Paula nahm die Erziehung ihrer acht Kinder in den ersten Jahren selbst in die Hand. Die Geschwister gingen anfangs nicht auf eine öffentliche Schule, sondern wurden von der Mutter daheim unterrichtet. Ihr war es eine Herzensangelegenheit, dass die Kinder lernten, selbstständig zu denken und ein klares Gefühl für Recht und Unrecht zu entwickeln. Für sie war der christliche Glaube kein starres Lippenbekenntnis für den Sonntag, sondern eine tägliche Pflicht zum praktischen Handeln. Sie lebte Dietrich vor, dass man für Schwächere einstehen muss.
Eine Geschichte über Dietrichs Großmutter, Julie Bonhoeffer, zeigt am besten, welcher Geist in dieser Familie herrschte. Im April 1933, als die Nationalsozialisten zum Boykott jüdischer Geschäfte aufriefen und sich SA-Männer bedrohlich vor den Eingängen postierten, ging die damals bereits 90-jährige Julie mit erhobenem Kopf an den bewaffneten Posten vorbei, ignorierte die Absperrungen und kaufte wie gewohnt im jüdisch geführten Kaufhaus des Westens (KadeWe) ein. Sie ließ sich von der Uniform und der plumpen praktizierten Einschüchterung der Masse nicht beugen.
Für Bonhoeffer war dieses Bild prägend. Es zeigte ihm hautnah, dass wahrer Anstand keine Frage von körperlicher Kraft ist, sondern eine Frage der inneren Haltung.
Auch im Kreis seiner Geschwister wuchs Dietrich in einer Atmosphäre auf, die von klugen und selbstbewussten weiblichen Persönlichkeiten bestimmt war. Seine Schwestern Ursula und Christine waren keine Zuschauerinnen im Hintergrund. Im Hause Bonhoeffer wurde am Abendbrottisch leidenschaftlich über Politik, Kultur und Gerechtigkeit debattiert. Die Frauen der Familie redeten auf Augenhöhe mit, sie dachten kritisch und hinterfragten jede Form von blinder Autorität.
Doch die Prägung durch starke Frauen endete nicht in seiner Jugend. Sie reicht bis in die schwerste Zeit seines Lebens – und hier meine ich Maria von Wedemeyer. Oft wird sie in Geschichtsbüchern nur als die „tragische, junge Braut“ am Rande erwähnt. Das wird ihr aber nicht gerecht. Maria war gerade einmal 18 Jahre alt, als sie sich Anfang 1943 mit Dietrich verlobte. Nur wenige Wochen später wurde er verhaftet.
Ab diesem Moment wurde die junge Frau zu einer tragenden Säule seines Überlebenswillens im Gefängnis. Unter den misstrauischen Augen der Gestapo kämpfte sie wie eine Löwin darum, den Kontakt zu ihm zu halten. Ihre berührenden Briefe, die später als „Brautbriefe Zelle 92“ berühmt wurden, waren Dietrichs wichtigste Verbindung zur Außenwelt und zum echten Leben. Sie schmuggelte Nachrichten, überbrachte saubere Kleidung und gab ihm in der Trostlosigkeit der Haftzelle den Halt, den er brauchte, um nicht zu verzweifeln. Es war diese tiefe Liebe zu Maria, die Bonhoeffers Glauben im Irdischen verwurzelte. Ohne sie, ohne ihre Briefe über Hoffnung und Engel, hätte er seinen berühmtesten Text „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ zu Weihnachten 1944 vermutlich nie so geschrieben. Maria war kein schüchternes Mädchen, sondern eine mutige Partnerin, die trotz des enormen Drucks des Regimes felsenfest zu ihm und seiner Familie stand.
Dietrich Bonhoeffer lernte also von klein auf und bis zu seinen letzten Tagen, dass Frauen eigenständige, willensstarke und tatkräftige Persönlichkeiten sind. Diese Erziehung, die starken Vorbilder und die unerschütterliche Treue seiner Verlobten gaben ihm das Rüstzeug für seinen gesamten schweren Weg.
Sie pflanzten den Samen für einen Glauben, der nicht wegsieht, wenn es ungemütlich wird, sondern der bereit ist, im Stillen Verantwortung zu übernehmen.
Und diese Gedanken und Zivilcourage in das Jetzt und Hier weiterzutragen, ist die Aufgabe, die sich unser Verein gegeben hat. Und sie ist aktueller den je...
