Die Freiheit, ein Gebot zu übertreten - zum Zitat des Monats Juli 2026
Von G. John, Vereinsmitglied.
Wenn wir heute durch unseren Alltag gehen, sind wir von einer Flut von Regeln, Vorschriften und Paragraphen umgeben. Alles ist bis ins kleinste Detail durchorganisiert. Das gibt auf der einen Seite Sicherheit, verleitet auf der anderen Seite aber zu einer gefährlichen Bequemlichkeit: Man schaltet das eigene Denken ab und folgt blind dem Buchstaben des Gesetzes. Aber ist das wirklich die Freiheit, zu der wir gerufen sind?
Wer sich bei uns im Verein HAPAX mit Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, stößt unweigerlich auf einen zentralen Gedanken:
Der mündige Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass er in eigener Verantwortung vor Gott und den Menschen handelt. Er versteckt sich nicht hinter Paragraphen, um sein Gewissen reinzuwaschen.
Wo das Gesetz an seine Grenzen stößt
Natürlich brauchen wir Regeln für das Zusammenleben. Ein Gebot hat dort seine absolute Berechtigung, wo es den Mitmenschen schützt. Die Grenze unserer Freiheit liegt immer in der Gefährdung des Nächsten. Wenn mein Handeln jemanden verletzt, gefährdet oder in seiner Würde beschneidet, erübrigt sich jede Diskussion.
Aber was ist mit den unzähligen Geboten, die rein formaler Natur sind? Bürokratische Hürden, starre Konventionen oder gesellschaftliche Spielregeln, die nur um ihrer selbst willen existieren?
Wenn das Übertreten einer solchen Vorschrift nachweislich niemanden gefährdet, aber das Leben ein Stück menschlicher, unkomplizierter oder schlicht erträglicher macht, dann wandelt sich die Übertretung von einer bloßen Option zu einer echten Möglichkeit gelebter Freiheit.
Keine billige Ausrede, sondern ein Wagnis
Das hat nichts mit Egoismus oder rücksichtslosem Verhalten zu tun. Es geht nicht darum, sich einfach zu nehmen, was man will, weil „eh nichts passiert“. Früher ging verantwortliches Handeln von allein – heute brauchen wir für alles eine App oder eine behördliche Erlaubnis. ;-)
Bonhoeffer sprach in einem ganz ähnlichen Zusammenhang vom „Qualitätsgefühl“ des Lebens. Dieses Qualitätsgefühl bedeutet auch, den Mut zu haben, innezuhalten und die Situation mit wachen Augen zu prüfen:
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Schade ich jemandem? Wenn nein, fällt die erste Barriere.
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Warum tue ich es? Handle ich aus reiner Bequemlichkeit oder aus einer vernünftigen, freien Haltung heraus?
Wer diese Freiheit nutzt, ein starr gewordenes Gebot zu übertreten, muss allerdings auch die Größe besitzen, die Konsequenzen zu tragen. Das ist kein Freibrief zum Jammern, wenn man erwischt wird. Mündigkeit bedeutet, geradezustehen für das, was man tut!
Wenn ich also in der Nacht auf einer Strecke, wo eine 70er Beschränkung wegen eines Betriebes ist, in dem nachts wohl kaum gearbeitet wird, diese Geschwindigkeit überschreite, so handle ich „vernünftig“, aber widerrechtlich. Sollte da ein Blitzer stehen, so habe ich die Konsequenz zu tragen – obschon die Regelung unsinnig ist. Es ist die Geißel unserer Überreglementierung – wider der Vernunft. Nun mag man sagen: Der Mensch ist nun mal nur durch Strafe zur Vernunft zu bringen.
Oder nehmen wir ein anderes, ganz unspektakuläres Beispiel aus der Nachbarschaft: Der alte, kranke Nachbar schafft es nicht mehr, seine Hecke rechtzeitig vor der behördlich vorgeschriebenen Frist zu stutzen, weil der Gemeinde-Abfallsack fehlt oder der Amtsschimmel wiehert. Wenn ich am Sonntag – entgegen der örtlichen Lärmschutzverordnung – die Schere in die Hand nehme und ihm helfe, handle ich ordnungswidrig. Aber es gefährdet niemanden. Im Gegenteil: Es hilft. Die starre Verordnung wird im Namen der reinen Mitmenschlichkeit gebeugt. Wenn sich ein Nachbar beschwert, zahle ich eben die Verwaltungsstrafe. Aber geholfen ist geholfen.
Der Geist über dem Buchstaben
„Mit meinem Gott kann ich über Mauern springen“ (Psalm 18, 30) – dieser Vers begleitet mich schon lange. Manchmal sind diese Mauern eben die engen Grenzen von Vorschriften, die den Blick auf das Wesentliche verstellen.
Lassen wir uns die Freiheit des Denkens und Handelns nicht nehmen. Wo kein Schaden entsteht, da sollte die Vernunft und die Mitmenschlichkeit über die Paragraphen siegen.
Es gibt den Spruch: „Wenn andere über die Klippe springen, springst Du dann hinterher?“
Ändern wir den Spruch: „Wenn andere wie Lämmer zur Schlachtbank laufen, läufst Du mit?“
– Bist Du ein Mitläufer oder hast Du einen eigenen Kopf und Charakter?
Vielleicht entsteht durch die Verweigerung von Kadavergehorsam ein vernünftiges Reglement eines Zusammenlebens.
Das ist das Wagnis der verantwortlichen Tat, das wir tagtäglich im Kleinen wie im Großen neu lernen müssen.
„Der Gehorsam bindet an das Gebot,
die Verantwortung bindet in Freiheit an den Mitmenschen.“
(Dietrich Bonhoeffer Werke, Ethik, Band 6, S. 274)
